Sunset Brahmasthan of India

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Reich über Nacht - Wunderwahre Geschichten - Alfa-Veda-Verlag

Leseprobe aus: Reich über Nacht – Wunderwahre Geschichten.

Text: Jan Müller, Illustrationen: Stephanie Wolff. Zurück zu Bücher.

Eine Laune des Schicksals scheint den  Mönchen in den Blauen Bergen die märchenhafte Möglichkeit zu eröffnen, über Nacht steinreich zu werden. Wenn sie nur wüssten, ob sie dem Braten trauen können. Da hat einer die Idee, wie sie ihren Reichtum auch ohne äußere Hilfe sichern können: Um ein würdiges Mitglied im Millionärsklub zu werden, muss jeder beweisen, dass er die Kunst der Hochfinanz beherrscht, zu lügen wie gedruckt, und eine wunderwahre Geschichte erzählen, ohne sich beim Lügen ertappen zu lassen. Wird ihm aber eine Lüge nachgewiesen, dann ... siehe unten.

Der muntere Geschichtenwettbewerb findet abrupt sein Ende, als ein Ereignis die Weltgeschichte erschüttert, das die wahre Kunst der Hochfinanz in ihrem vollen Ausmaß offenbart: Eine Lügengeschichte geht um die Welt, die allen bekannten Naturgesetzen spottet und trotzdem von jedem geglaubt wird, weil die Wahrheit so unmenschlich ist, dass kein gesunder Mensch mit Herz sie glauben will.

Tsschenbuch, 15,24 x 22,86 cm, 198 Seiten, Alfa-Veda-Verlag, ISBN: 978-3945004067 Blick ins Buch und kaufen

Als Bettelmönch reich über Nacht

Wie ich als Bettelmönch zu Bett ging und über Nacht etwas Erstaunliches erfuhr, das aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss war.

Blue Ridge Mountains, Mittwoch, 22. August 2001.
Der Tag, an dem sich mein Lebensgefühl über Nacht entscheidend verändern sollte, begann wie ein ganz gewöhnlicher Tag, den ich bereits im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weilte. Mit dem Unterschied, dass ich schon kurz nach dem Aufwachen stöhnte.
Ich hatte gerade von einer schwarzen Flussschlange geträumt, die reglos unter der Wasseroberfläche zu schlafen schien. Als ich sie ansah, war sie wie die Fontäne eines Geysirs aus dem Wasser geschnellt, war groß und dick geworden, hatte sich auf mich gestürzt und in ein knuspriges Nougatmädchen verwandelt, das mich mit Mandelaugen anlächelte und sich um mich schlang wie Efeu um eine Eiche. Noch trunken vom Traum und dem Kribbeln, das in meinem Körper nachklang, tastete ich im Halbschlaf nach Stift und Notizbuch, um die schillernden Traumblasen in den Alltag hinüberzuretten, bevor sie zerplatzten.
Dabei rutschte mir der Brief unseres Finanzbüros zwischen die Finger, der mich daran erinnerte, dass ich heute meine letzte Barschaft abliefern musste, wenn ich auch noch den »Indian Summer« in der Stille der Blauen Berge verbringen wollte. Dieser gedankliche Seitensprung zum Finanzbüro ließ den scheuen Seifenschaum des Traums unwiderbringlich in Nichts zerrinnen und entlockte mir ein Stöhnen des Unwohlseins.
Während die Dusche auf meinen Schädel prasselte, zerplatzten schließlich die letzten Bläschen des Traums im zähen Strom der Finanzsorgen, und als ich mich mit dem Badetuch abtrocknete, stand ich bar jeglicher Illusion in der Wanne und sah nur noch die Haut- und Schmutzpartikel, die das Frotteetuch von meinem Rücken rubbelte.
Meine Lieblingsbeschäftigung war mir durch den Finanzbrief vereitelt worden. Denn gerade das Festhalten des Flüchtigen, das behutsame Fassen des unfassbaren Bereichs der Träume, das Ausdrücken der zarten Schichten des Unterbewusstseins war es, das mich dazu bewogen hatte, mich in dieses Spirituelle Zentrum in den Blauen Bergen zurückzuziehen, wo sich teils von Spenden lebende Sucher aus allen Erdteilen trafen, um gemeinsam in der »Halle der Stille« zu meditieren und als Archäologen des Geistes die versunkenen Schichten im kollektiven Bewusstsein der Menschheit zutage zu fördern.
Nach ausgiebiger Morgenmeditation, bei der das Thema Geld zum Glück in den Hintergrund trat, schlug ich den vom Regen dampfenden Waldweg zum Finanzbüro ein, um mich meiner letzten Reiseschecks und Dollarnoten bis auf einen Hunderter, einen Fünfer und drei Eindollarscheine zu entledigen.
Im Zimmer des Hauptgebäudes, in dem unser Finanzbüro untergebracht war, grinste mir hinter dem Schreibtisch ausgerechnet das hagere Hökernasengesicht von Jean-Claude Lüthi entgegen: »Jaa, wer kchömmet denn daa? Der Jahn!«
Wie ein Bankkassierer zählte und sortierte er Schecks und Scheine, während ich jammerte: »Hier, mein letztes Geld. Und wie kommt es, dass du als Schweizer in Amerika hinter diesem Schreibtisch sitzt?«
»Man muss sich halt zu helfen wissen, odder? Wenn ich hier nicht sitzen tät, müsste ich genauso viel zahlen wie du. Jetzt hock ich täglich zwei Stunden gemütlich am Schreibtisch, zähle Geld und zahle nur die Hälfte.«
»Ausgerechnet du? Du schwimmst doch im Geld. Du sitzt wohl lieber hinterm Schreibtisch, als durch die Wälder zu wandern?«
»Wandern? Geldzählen ist doch viel schöner.«
»Badest du auch in Goldmünzen wie Dagobert Duck?«
»Bischt du verruckcht? Goldmünzen muscht du in Münzkassetten aufbewahren und mit gepolsterten Pinzetten anfassen. Jeder Kratzer mindert ihren Wert.«
Aha, er hortete tatsächlich Goldmünzen. Ausgerechnet dieser Münzensammler hatte also einen Weg gefunden, hier billig zu leben.
Gedankenversunken schlürfte ich gegen Mittag im Speisesaal meine Suppe und ließ den Blick über die blassblauen Gipfel der Appalachen schweifen – dem ältesten Gebirge der Welt, wie die Einheimischen stolz betonten –, da tauchte Gregorius mit seinem Kahlkopf vor mir auf. Er setzte sich mit seinem Selbstbedienungstablett an meinen Tisch und fragte: »Hallo Jan, hast du dich schon beim Millionärsklub angemeldet?«
Ich gab ein hölzernes Lachen von mir. »Sehe ich aus wie ein Millionär?«
»Darum geht’s ja gerade.« Er rückte das Glas Orangensaft, eine Schüssel Minestrone, Pizza und einen riesigen Eisbecher auf seinem Tablett zurecht. »Möchtest du nicht einer werden?«
»Dämliche Frage!« Hätte mir jemand diese Frage in Deutschland gestellt, ich hätte mir die zynische Bemerkung, die mir auf der Zunge lag, sicher nicht verkneifen können. Aber hier, im Land des Goldrauschs und der Traumfabriken, im Land der reichen Onkels und der Neureichen, hier wurde das Unmögliche geglaubt, hier hatte mancher Goldgräber sein Glück gemacht. Und darum verlief der Rest des Mittagsmahls in bedeutungsträchtigem Schweigen.
Als wir nach dem Essen unser Geschirr in die Spülecke brachten, meinte Gregorius: »Komm doch nachher mal vorbei. Ich hab was für dich.«
»Wahrscheinlich wieder eine Geldanlage, durch die man über Nacht ohne eigenes Dazutun arm wird.«
»Neinnein ... im Gegenteil. Du wirst nicht arm. Du brauchst nur hundert Dollar einzulegen.«
»Und dann?«
Gregorius sah sich verschwörerisch um und flüsterte, während wir die Treppe zum Ausgang hinunter stiegen: »Dann kriegst du eine Debitkarte über 750 000 Dollar.«
»Wann?«
»In zwei, drei Monaten.«
»Zu schön, um wahr zu sein.«
»Klar. Das sagen alle. Aber hör dir erst mal die Geschichte an. Roger kam vorgestern ganz aufgeregt zu mir, und seine Augen sprühten vor Begeisterung, als er mir die verrückte Geschichte erzählte.«
»Welche Geschichte?«
»Das erzähl ich dir draußen. Gehst du spazieren?«
»Ich will zur Quelle Wasser holen.« Ich tippte auf meine Stofftasche mit den leeren Flaschen. »Gehst du mit?«
Und während wir im Regenwald zwischen verrotteten Stämmen den Trampelpfad zur Quelle einschlugen, erzählte mir Gregorius die Geschichte

Vom Reichen, der sich entschloss, die Armen reich zu machen

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg suchte die amerikanische Regierung nach Finanzberatern, die darauf achten sollten, dass sich Angebot und Nachfrage ihrer Währung stets die Waage hielten und nicht zu viele Dollars auf den Geldmarkt kämen, damit der Dollar keine Wertverluste hatte und der Kurs nicht sank. Einer dieser Männer war McRoy.
McRoy kannte sich in Geldgeschäften aus und spezialisierte sich auf Money Trading mit jenen hochkarätigen Gewinnspannen, von denen selbst die Banker normaler Banken nichts wussten. Wer Geschäftspartner in diesen Dimensionen werden wollte, musste mehrere Millionen haben, brauchte Empfehlungen und Bürgschaften aus dem engen Kreise der Beteiligten und musste unterschreiben, dass er niemandem davon erzählte. Denn die Kunden dieser Transaktionen waren die Nationen dieser Welt. In solche Kreise kam nicht jeder rein. Aber McRoy.
Dieser McRoy gab sich aber nicht damit zufrieden, seinen Reichtum durch geschickte Schachzüge von Monat zu Monat zu verdoppeln. Er war die Ausnahme der Regel, das Enfant Terrible. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren fing er an, um Anleger für seine Geldgeschäfte bei jenen unteren Zehntausend zu werben, die weniger als zehn Millionen wogen, also eigentlich nicht diskutabel waren. Das erregte den Zorn der Auserwählten. Sie deklarierten seine Geldgeschäfte als Betrug, brachten ihn in Untersuchungshaft und froren seine Konten ein. Damit war seinen leichtgläubigen Anlegern ein für allemal bewiesen, dass ihr gutes Geld verloren war, wenn sie einem solchen Lügner Glauben schenkten.
So leicht gab McRoy aber nicht auf. Nach jahrelangem Prozessieren gelang es ihm, eindeutig nachzuweisen, dass seine Geldgeschäfte legal und mit der größten Sicherheit zu Reichtum führten und dass er seinen Anlegern klaren Wein eingeschenkt hatte. Diesmal hetzten die Reichen gleich das FBI auf ihn und ließen seine Konten wieder einfrieren. McRoy durfte von neuem prozessieren. Das Ganze wiederholte sich ein drittes Mal.
So waren zwanzig Jahre hingegangen. McRoy war längst nicht mehr der Jüngste und nicht nur reicher an Erfahrung, auch an Geld. Die Summe seines angelegten Kapitals betrug inzwischen eine Milliarde und zwei- hundert Millionen Dollar. Selbst wenn er viele Erdenleben vor sich hätte, konnte er diesen Reichtum nicht allein verprassen. Er rechnete sich aus, dass jeder Hundertdollarschein, den er vor dem Einfrieren der Konten angelegt hatte, inzwischen auf 750 000 Dollar angewachsen war.
Diesen Gewinn wollte er mit anderen teilen. Er hatte eine feste Summe zu vergeben und wollte solange Anlagen entgegennehmen, bis das Limit seiner Ausschüttung erreicht war. Dann erst wollte er auf einen Schlag das ganze Geld verteilen. So erfand er, um arme Menschen reich zu machen, die »100 Dollar Anmeldegebühr zum Millionär«.
Wer den Einsatz zahlte und damit sein Vertrauen und seinen Wunsch, zum Millionär zu werden, kundgab, sollte dafür eine dreiviertel Million bekommen.

»Nun«, fragte Gregorius, »bist du dabei?«
Wir waren an der Quelle angelangt, die zwischen moosbewachsenen Felsen aus dem Berg sprudelte, und ich begann, meine Flaschen mit Quellwasser zu füllen. »Die Geschichte klingt zu edelmütig«, sagte ich. »Sowas gibt es nur im Märchen, nicht in Wirklichkeit. Außerdem habe ich mich längst entschlossen, mein Geld mit dem zu verdienen, was ich besser kann als Spekulieren und was mir Selbstbewusstsein und Erfüllung bringt: mit kreativer Arbeit, die anderen Menschen Nutzen oder Freude bringt.«
»Wie du willst. Ich weiß, es klingt verrückt. Aber was sind hundert Dollar gegen siebenhundertfünfzigtausend? Selbst wenn sie drauf gehen. Du würdest dir die Haare raufen, wenn deine Freunde plötzlich Millionär wären und du nicht.«
»Das stimmt. Gegen Reichtum hätte ich nichts einzuwenden. Wieviel sagst du, wird aus hundert Dollar?«
»Eine dreiviertel Million.«
»In welchem Zeitraum?«
»In zwei, drei Monaten hast du die Debitkarte.«
Ich war kein Träumer, kein Hans-guck-in-die-Luft, überhaupt keine Spielernatur. Menschen, die ihre irrationalen Hoffnungen auf Glückspiele setzten, konnte ich nur belächeln. Erst kürzlich hatte ich mich über die Logik meiner Stiefmutter gewundert, die jede Woche für sieben Mark fünfzig Lotto spielte und mir stolz berichtete, dass sie gerade fünf Mark gewonnen habe, also für das nächste Spiel nur 2,50 zahlen müsse. Ich hatte ihre scharfe Kalkulationsgabe bewundert, mich aber eines Kommentars enthalten. Denn kurz vorher hatte ich auf der Titelseite des Wiesbadener Kuriers folgende Nachricht gefunden, an die ich mich jetzt ebenfalls erinnerte.

Spender mit Hindernissen

Wie schwierig es sein kann, anderen Menschen Geld zu schenken, erfuhr kürzlich der Wiesbadener Multimillionär Manfred Guckelsheim (Name von der Redaktion geändert). Der 82jährige Guckelsheim hatte keine direkten Nachfahren und nur Verwandte, von denen er wusste, dass sie ihn lieber heute als morgen beerbten.
Um seinen Reichtum vor seinem Ableben sinnvoll unters Volk zu bringen, entschoss er sich, Geldpreise an Menschen zu vergeben, die es wert waren, geehrt zu werden: Menschen, die anderen das Leben gerettet hatten. Also kontaktierte er Behörden und Vereine, um Anschriften von Lebensrettern zu erhalten. Aber immer kam die gleiche Antwort: keine Auskunft wegen Datenschutz.
»Gut«, dachte er, »dann eben nicht. Es gibt wahrscheinlich sowieso nicht viele Lebensretter.« Und er suchte eine neue Zielgruppe: Er wollte Erfinder ehren, die etwas Segensreiches erfunden hatten. Er schrieb ans Patentamt und an Industrie- und Handelskammern und hielt endlich die gewünschten Adressen seiner Zielgruppe in Händen.
Diesen Personen schrieb er einen Brief, erklärte sein Vorhaben und bat um Rückantwort mit Kontonummer. Nur ein Viertel der Angeschriebenen antwortete. Mehrere baten nachdrücklich darum, sie mit derartigen Angeboten nicht mehr zu belästigen: »Den Schwindel kennen wir.«

Wahrscheinlich hätte ich genauso reagiert. Hatte ich doch kurz nach meiner ersten Amerikareise einen Brief erhalten mit der Mitteilung, ich hätte einen Preis von 10.000 Dollar gewonnen und sollte nur noch meine Kontonummer angeben. Ich musste den Brief dreimal lesen, bis ich den Haken entdeckt hatte. Mein Kontostand wäre auf keinen Fall gestiegen, sondern wahrscheinlich drastisch gesunken. Auch diese Story fiel mir ein, als Gregorius zu Ende war.
»Ich habe gerade noch hundert Dollar«, meinte ich. »Wenn ich die hergebe, bin ich blank.«
»Gut, gut, ich wollt’s dir nur gesagt haben.« Gregorius begleitete mich bis zur Haustür. »Vielleicht sprichst du beim Abendessen mal mit Mario. Der kann dir eine Story von einem reichen Italiener erzählen.«
Beim Abendessen setzte ich mich zu Mario. »Gregorius sagte, du wüsstest eine Geschichte von einem reichen Italiener?«
»Ja natürlich«, meinte er. »Das muss um 1995 herum gewesen sein. Ich war gerade ein paar Monate zu Hause in Meran. Da hörte ich im Fernsehen, ein Reicher möchte Geld verschenken. Er habe aber zu den Wohltätigkeitsorganisationen kein Vertrauen. Deswegen werde er jedem, der ihm zehntausend Lire schicke, zwei Millionen Lire zurücksenden.«
»Und warum sollten die Leute erst was zahlen, wenn sie viel mehr zurückbekamen?«
»Als Zeichen, dass sie ihm vertrauten. Der Nachrichtensprecher brachte die ausführliche Adresse und kommentierte, ob es Betrug sei oder Wahrheit, werde erst die Zukunft zeigen. Auch in den Zeitungen stand die gleiche Nachricht. Wer sein Geld zu spät einschicke, wenn das Vermögen schon verteilt sei, hieß es, der bekäme seine Einlage zurück.«
»Und hast du dich beteiligt?«
»Ich dachte natürlich, das sei Quatsch.«
»Und was ist draus geworden?«
»Nach zwei Monaten ging es durch Presse und Fernsehen, dass alle, die rechtzeitig eingeschickt hätten, rund 25.000 Mark bekommen hätten. Und die restlichen hätten ihre Einlage zurückbekommen.«
»Und du hast dich geärgert.«
»Na ja, wer rechnet schon damit, dass sowas stimmt?«
Marios Bericht stimmte mich nachdenklich. Konnte sich tatsächlich verwirklichen, was sich alle Armen wünschten und wogegen sich die Reichen sträubten? Dass Reichtum sinnvoller verteilt wurde? Denen, die zuviel hatten, machte es Freude, etwas abzugeben, und die zuwenig hatten, bauten ihre Vorurteile gegen Reiche ab und bekamen eine Chance, aus ihrem Leben etwas Besseres zu machen?
Kurz vor dem Schlafengehen klopfte ich bei Gregorius. »Her mit der Anmeldung. Ich bin dabei!«
»Phantastisch! Bald sitzen am Essenstisch nur noch Millionäre.«
Meine letzten hundert Dollar war ich los. Aber was hatte ich gewonnen? Als armer Schlucker war ich zu Gregorius gegangen, als Millionär in spe ging ich zu Bett. Zum erstenmal in meinem Leben sah ich konkret die Möglichkeit, dass mein Konto bald den gleichen Reichtum zeigen würde, den ich schon seit langem in mir ahnte. Reich über Nacht! Genau, wie es McRoy versprochen hatte.
Ich wusste, dass ich eine reiche Seele hatte, dass in meiner Phantasie seltene Schätze unter Schlamm und Stein vergraben schlummerten. Aber sie brachten noch keinen Gewinn, weil sie noch nicht gefördert, nicht erschlossen waren.
Ich spürte, dass ein Mensch, der innerlich so reich wie ich war, auch äußerlich den Reichtum leben müsse. Denn Äußeres und Inneres entsprachen sich. Eine reiche Seele dürfte auch äußerlich nicht arm sein.
Rätselhaft blieb nur, warum sich dieser Reichtum nicht auf meinem Konto bemerkbar machte. Wie kam es, dass ich die reichsten Schätze der Welt in mir verborgen wusste, dass ich eigentlich reicher war als alle Millionäre, die gehetzt und krank durchs Leben hasteten, und dennoch zeigte mein monatlicher Kontoauszug keine Reaktion auf diesen Reichtum? Mein Seelenreichtum schien ihn kalt zu lassen.
Diese Schikane hatte nun ein Ende. Lange konnte ich nicht einschlafen. In allen Einzelheiten malte ich mir aus, was ich mit dem Geld anstellen würde. Eine dreiviertel Million Dollar! Umgerechnet in Mark waren das über 1,3 Millionen. Also war ich D-Mark-Millionär.
Natürlich war mir klar, dass eine dreiviertel Million kein wahrer Reichtum war. Kein Geld, um einen Wahlkampf zu gewinnen, einen nationalen Haushalt zu sanieren, Entwicklungsländer von ihrer Staatsverschuldung und dem Joch der Industrienationen freizukaufen. Eine dreiviertel Million war nichts! Nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber immerhin. Man musste mit dem leben, was man hatte.
Vor einer Stunde hatte ich meine letzten hundert Dollar hingeblättert. Jetzt, eine Stunde später, war ich reich. McRoys Versprechen, arme Menschen reich zu machen, hatte sich bei mir erfüllt: reich über Nacht.
Am nächsten Morgen gab es nichts zu stöhnen. Das prickelnde Gefühl, in einem Traum voller schillernder Seifenblasen zu leben, blieb den ganzen Tag erhalten. Nach dem Regen roch der Wald frisch und saftig. Trunken stapfte ich über den weichen Boden zur »Halle der Stille« und dichtete dabei Haikus über das Gehen im Wald.

Wind zaust die Kronen.
Trunken die Stämme.
Wipfel torkeln himmelwärts.

Bemooster Stein.
Federnder Humus.
Aufs Laubdach knistert der Regen.

Der Boden trinkt.
Gras richtet sich auf.
Ich höre die Halme wachsen.

Nach dem Schauer.
Der spröde Boden jetzt weich.
Neue Stapfen darin.

Allein dieses Wohlgefühl war die hundert Dollar wert. Als frischgebackener Millionär betrat ich mittags den Speisesaal. Schon von weitem erkannte ich am Gesichtsausdruck, wer zum Millionärsklub zählte und wer nicht. Die einen aßen mit verträumtem Schmunzeln, verklärt in die Sonne blinzelnd, die anderen stocherten stumpf in ihren Nudeln, arm, realistisch und verbiestert, sich störrisch gegen die Millionen sträubend, die ihnen die Natur zuschieben wollte.
Und dann gab es noch die dritte Gruppe: die Uneingeweihten, die von dem neuen Zauberwort noch nichts gehört hatten und genauso unbefangen plauderten und lärmten wie bisher.
Natürlich setzte ich mich zu den Millionären. Das Gesprächsthema war klar. »Wann ist die Ausschüttung?«
»Noch dieses Jahr.«
»Wie lange ist der Fonds noch offen?«
»Das Limit ist noch nicht erreicht.«
»Glaubst du dran?«
»Abwarten und Tee trinken.« Léonce sah zu mir. »Was meinst du?« Ich überlegte einen Augenblick: »Verkehrt!«
»Was ist verkehrt?« Er runzelte die Stirn.
»Abwarten und Teetrinken ist falsch«, sagte ich. »Wer auf die Auszahlung wartet, hat McRoy noch nicht begriffen.«
»Wie meinst du das?«
»Wir müssen den Schwebezustand nutzen, den wir heute haben. Dieses traumhafte Gefühl, angehoben, leicht, beflügelt, reich in Seele, Leib und Konto.«
»Aber auf dem Konto ist noch nichts.«
»Was schert uns der Kontostand? McRoy hat sein Versprechen eingehalten. Bis gestern waren wir arme Schlucker. Wir glaubten, Armut sei uns vorbestimmt, weil unser Kontostand den Geist begrenzt und einengt. Erst McRoy hat das geändert. Ab heute kennen wir den Duft des Reichtums. Und den gilt es zu nutzen. Wir machen es wie McRoy.«
»Ja wie denn? McRoy hat das Know-How über solche Geldgeschäfte, hat Millionen und Beziehungen. So leicht kommst du da nicht ran.«
»Quatsch. McRoy hat uns nur eines voraus: die Geschichte, die er uns aufgetischt hat. Sie ist einerseits so märchenhaft, dass jeder denkt: zu schön, um wahr zu sein. Andererseits so erzählt, dass wir sie für bare Münze nahmen und bares Geld hinblätterten. Und davon lebt er.«
»Du meinst, er ist ein Schwindler?«
»Wieso Schwindler? Er hat klipp und klar erklärt, dass er dreimal des Betrugs bezichtigt wurde: von der Polizei, vom FBI, von den Gerichten. Er hat seinen Anlegern die ganze Zeit reinen Wein eingeschenkt. Bis sie merkten, dass sie seinen Lügenmärchen keinen Glauben schenken durften. Das wird alles ungeschminkt gesagt. Er verspricht, die Armen reich zu machen, und genau so fühlen wir uns jetzt. Aber nicht durch seine Dollar, sondern durch seine Geschichte. Er zeigt uns, wie man’s machen muss.«
Im Eifer des Gefechts waren wir lauter geworden und hatten immer mehr Blicke auf uns gezogen. Bildhauer Albrecht hatte sich zu uns gesetzt und verfolgte mit hochrotem Kopf unser Gespräch. Fridolin, unser Geiger, stand hinter ihm und runzelte die Stirn. »Du meinst, wir sollten alle Geldbetrüger werden?«
»Im Gegenteil! Wir erfinden ebenfalls Geschichten, die die Welt für bare Münze nimmt. McRoys Geschichte ist bestimmt nicht völlig aus der Luft gegriffen. In jeder Story steckt ein wahrer Kern: Er sagt ja selbst, er wurde dreimal des Betrugs bezichtigt. Diese Fakten wirkten glaubwürdig und überzeugend, weil er aus Erfahrung sprach. Wir nehmen unsere eigenen Erlebnisse und spinnen daraus ein Seemannsgarn, das jeder glaubt.«
Auch Pierre, unser Schriftsteller, der sein Geschirr in die Spülecke bringen wollte, war mit seinem Tablett in der Hand stehengeblieben und fragte amüsiert: »Du willst Lügen schreiben?«
»Was heißt Lügen? Hat jemand einen Zwanzigdollarschein dabei?«
Millionär Dagobert griff in die Tasche, holte seine Geldbörse hervor und gab mir einen Zwanzigdollarschein.«
»Warum ist dieser Zettel zwanzig Dollar wert?«, fragte ich in die Runde. »Papier ist doch viel billiger!«
»Das liegt am Aufdruck,« meinte Pierre.
»Eben: Der Wert entsteht durch die Behauptung eines Sachverhalts. McRoy erfand die Anmeldegebühr zum Millionärsklub. Die haben wir bezahlt. Jetzt müssen wir beweisen, dass wir würdige Vertreter der Finanzwelt sind: Wir müssen lernen, zu lügen wie gedruckt. Jeder, der zum Klub gehören will, tischt uns als Einstand eine Geschichte auf, die zwar einen Funken Wahrheit, aber auch eine Prise Lüge enthält. Doch wehe, er lässt sich beim Lügen erwischen! Dann hat er verloren. Wer die unglaublichste Geschichte auftischt, ohne der Lüge überführt zu werden, bekommt vom Verlierer seinen Aufenthalt hier finanziert und wird dadurch unabhängig von McRoys Auszahlung. Jeder darf so viele Geschichten erzählen, wie er will.«
Dieser Vorschlag sorgte im frisch gegründeten Millionärsklub für einigen Wirbel. Die einen meinten, es reiche, die Aufnahmegebühr an McRoy bezahlt zu haben, um sich als Millionär zu fühlen. Andere hielten dagegen, dass Naivität und Leichtgläubigkeit alleine noch niemanden zum Millionär gemacht habe.
Nach wildem Hin und Her bot sich Jean-Claude, der McRoys Geschichte nur belächelt hatte und sich auch ohne Anmeldegebühr zu den Klubmitgliedern zählte, plötzlich an, die Recherchen zu übernehmen, um den Wahrheitsgehalt der Geschichten zu überprüfen. Sein Hintergedanke war ihm förmlich ins Gesicht geschrieben: Wenn er selber die Prüfung übernahm, hatte er die besten Chancen, den Verlierer aufzudecken und durch eine spannenden Geschichte umsonst hier leben zu können.
Um Streitigkeiten vorzubeugen, bestimmten wir außerdem einen Protokollführer und einen Audiomann, der alle Geschichten mitschnitt, und verabredeten, uns jeden Abend bei einem anderen Mitglied des Millionärsklubs zu treffen, der uns seine Geschichte zum besten gab.
Aber wer sollte den Anfang machen? Niemand wollte sich als erster auf Glatteis begeben und einbrechen. Schließlich erinnerte ich mich an ein Erlebnis aus meiner Jugend und machte mich an das waghalsige Unterfangen, aus einem wahren Kern ein zünftiges, aber unwiderlegbares Seemannsgarn zu spinnen.

Ende der Leseprobe

Inhalt

Als Bettelmönch reich über Nacht – von Jan
Atlantas alte Heimat – von Jan
Beidseits der Trennwand – von Pierre
Brunnen für Devi-dschi – von Albrecht
Der Durchbruch – von Pierre
Die schwebenden Schwaben – von Dagobert
Fremder im Dorf – von Sascha
Fridolins Beweis – von Fridolin
Grashüpfer Benjamin – von Fridolin
Hoch oben im Riesenrad – von Gregorius
Im freien Fall – von Léonce
Nándini – von Gregorius
Punkt 12 bei Mayas Vater – von Jean-Claude
Riss in der Schattenwand – von Sascha
Selige Sehnsucht – von Merlin
Selten so gerannt – von Dagobert
Temperdus Eselsbrücke – von Jan
Verrat – von Jean-Claude
Wie die Göttin zu mir kam – von Merlin
Wie ich meine eigene Welt aufmachte – von Fridolin
Wie ich verdoppelt wurde – von Léonce
Wie mir der Kopf zerbrach – von Albrecht
Zu den Erzählern und Personen, Quellen, Autor und Illustratorin

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